Sabine Ritter: Arzneimittelwirkungen aus Sicht der chinesischen Medizin

Rezension von Helmut Magel

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Inhalt
Das Buch ist gegliedert in drei Teile:
1. Theoretische Grundlagen, in denen die Autorin kurz und knapp einen 20-seitigen Überblick gibt über vegetatives Nervensystem, Botenstoffe, Neurotransmitter, Elektrolyte, RAAS-System, DNA und RNA, Immunabwehr sowie die Wirkweise von Arzneimitteln.

2. Medikamentöse Behandlung von Erkrankungen. Dieser Hauptteil (450 Seiten) stellt alle relevanten, in der täglichen Arzt-Praxis vorkommenden Erkrankungen und deren medikamentöse Behandlung nach einem wiederkehrenden Schema in Unterkapiteln vor: Vorstellung der Erkrankung aus Sicht der Schulmedizin; Erkrankung aus Sicht der Chinesischen Medizin; medikamentöse Therapie der Erkrankung (Vorstellung der Wirkstoffe und Wirkstoff-Gruppen); Arzneistoffe (z.B. Expektorantien oder Antidiabetika) und die speziellen Wirkstoffe; Anwendungsgebiete; unerwünschte Wirkungen („Nebenwirkungen“); Wirkungsweise aus Sicht der Schulmedizin; Wirkungsweise aus Sicht der TCM.
Am Schluss jedes Unterkapitels gibt es einen tabellarischen TCM-„Steckbrief“, der sehr summarisch den Wirkstoff beschreibt hinsichtlich: Wirkung (z.B. Hitze kühlend, Feuchtigkeit und Schleim reduzierend), Temperaturverhalten, betroffenen Zangfu, unerwünschte Wirkungen (z.B. Schwäche von Milz-Qi und -Yang, Nieren-Yang-Leere, Kälte), Maßnahmen bei Bedarf (z.B. Qi und Yang tonisieren).

3. Auf 17 Seiten gibt Sabine Ritter Hinweise zur Praxis, darunter ein Fragebogen zum Beschwerdebild des Patienten als Anamnese-Unterstützung, Behandlungstipps zu TCM-definierten Pathologien und entsprechender Behandlungsstrategien.

4. Abgerundet wird das Buch durch ein Glossar und ein ausführliches Stichwortverzeichnis.

Insgesamt ist das eine beeindruckende Fülle an Informationen über alle gängigen schul- bzw. biomedizinischen Arzneimittel und deren Wirkstoffe und deren TCM-Einordnung. Die Autorin betont, dass „die Behandlung unerwünschter Wirkungen einer medikamentösen Therapie sich im Grundsatz nicht von der Behandlung anderer Beschwerden (unterscheidet). (…) Bei der Behandlung bereits eingetretener unerwünschter Wirkungen werden deshalb immer die aufgetretenen Probleme des jeweiligen Patienten behandelt und nicht das, was durch diese Medikamente ausgelöst werden könnte“ (S. 514). Um in der TCM-Praxis Nebenwirkungen der Medikamente, die von Patienten eingenommen werden, erkennen und in der Diagnose angemessen bewerten zu können, ist der Blick auf die Steckbrief-Tabelle nicht ausreichend. Viel aufschlussreicher ist der jeweilige ausführliche Abschnitt „Wirkweise (des Wirkstoffes) aus Sicht der TCM“. Mit diesen Informationen wird es schließlich möglich sein, „das Risiko für unerwünschte Wirkungen (zu) senken. Die Chinesische Medizin könnte somit einen wichtigen Beitrag zu einer personalisierten Medizin leisten und das Qualitätsmanagement in der Praxis verbessern.“ (S. 23).

Lesbarkeit
Der Aufbau des Buches ist systematisch und ergibt Sinn. Die durchgehaltene Struktur bei der Darstellung der Erkrankungen und der Wirkstoffe zu deren Behandlung ist eingängig und erleichtert das Finden und Lesen. Die übertriebene große Schriftgröße der Überschriften macht das Schriftbild sehr unruhig.
Auch einem Nicht-Apotheker erschließen sich die Wirkstoff-Erklärungen im schulmedizinischen Kontext als auch im Lichte der Chinesischen Medizin.

Innovation
Sabine Ritter schließt mit diesem Buch eine Lücke, die in der Praxis oft zu Spekulationen und vagen Annahmen führten, was die Nebenwirkungen der Medikamente betrifft. Endlich liegt eine umfassende Darstellung für die TCM-Praxis vor, mit der sich arbeiten lässt. Zugleich stößt die Autorin auch Türen auf, die darüber hinaus gehen, denn viele der von ihr beschriebenen Wirkstoffe sind auch Pflanzen-Wirkstoffe bzw. sind daraus gewonnen. Jüngstes Beispiel: Artemisinin (S. 492) aus dem chinesischen Beifuss (Artemisia annua) ist Bestandteil der traditionellen chinesischen Materia Medica.

Artemisinine sind inzwischen das Nummer-Eins-Medikament gegen Malaria, ein Verdienst der diesjährigen Medizin-Nobelpreisträgerin Youyou Tu. Wenn dies von verschiedenen Seiten als „Sieg der TCM-Kräuterheilkunde“ gefeiert wurde, dann wäre die Entwicklung des Schmerzmittels Aspirin, das auf das Salicylat (S. 191) der Salweidenrinde zurückgeht, vor über 100 Jahren ein „Sieg der europäischen Kräuterheilkunde“ gewesen. Schließlich lagen auch dieser Entwicklung über 2500 Jahre alte Rezepte gegen Rheumabeschwerden zu Grunde. Wir kommen hier sehr schnell in die Betrachtung, Bewertung und Einsatzmöglichkeiten von Inhalts- und Wirkstoffen, die unsere chinesischen wie westlichen Heilkräuter enthalten. Diese Diskussion ist und kann jedoch nicht Bestandteil dieses Buches sein, das ohnehin ein „Brocken“ ist, regt jedoch zu diesen Überlegungen an.

Anwendbarkeit
Da sich die Ordnung des Hauptteils auf die systematische Darstellung von 19 verbreiteten relevanten Krankheitsgruppen – von Herz-Kreislauf- über Atemwegserkrankungen bis hin zu psychischen und Tumorerkrankungen und deren medikamentöser Therapie – hinzieht, lassen sich leicht die notwendigen Informationen auffinden. Über die pathophysiologische Einschätzung und energetischen Wirkbeschreibungen lässt sich sicher diskutieren, aber das geht über die innovative Fleißarbeit Sabine Ritters hinaus.

Sabine Ritter geht davon aus, dass individuelle Schwachstellen die Ursachen dafür sein können, „dass Arzneimittel bei manchen Patienten unerwünschte Wirkungen verursachen. Beeinflusst ein Wirkstoff eine bereits bestehende Schwachstelle, sind damit korrelierende unerwünschte Wirkungen wahrscheinlich“ (S. 22). Allerdings treten nicht alle Nebenwirkungen, deren Auflistung mitunter imposant erscheint, bei einem Patienten auf. „Daher muss man auch nicht in jedem Fall versuchen eine Verbindung zwischen allen unerwünschten Wirkungen herzustellen“ (S. 22). Mit anderen Worten: Man soll die Kirche im Dorf lassen.

Ein wichtiger Aspekt ist die präventive Behandlung mittels Akupunktur, Diätetik und Kräutertherapie, „um das Risiko für unerwünschte Wirkungen einer medikamentösen Therapie im Vorfeld zu senken und individuelle Dysbalancen auszugleichen (…) Bei einer solchen präventiven Begleittherapie muss der Fokus auf die Gesamtheit der Syndrome, d.h. Ben und Biao einer Erkrankung, und auf die sich daraus ergebenden, möglichen Angriffspunkte einer medikamentösen Therapie gerichtet werden“ (S. 514). Für die in dem Zusammenhang ausschlaggebende Diagnostik sind die jeweiligen ausführlichen Beschreibungen und Erörterungen der Wirkweisen aus Sicht der TCM als auch aus schulmedizinischer Sicht sehr wichtig. Die Tabellen („Steckbriefe“) eignen sich dazu weniger, denn welchen Sinn kann die Aufzählung „unerwünschter Wirkungen“ haben, wenn diese „Hitze, Wind, Trockenheit, Yin-Leere, Qi-Stagnation, Qi-Leere, Blut-Leere“ (S. 273) umfassen? Da fällt einem der Ausspruch von Karl Kraus ein: „Die am meisten verbreitete Krankheit ist die Diagnose“. Aber wie auch immer, wenn sich die Praktiker den ausführlicheren Texten widmen, wird die Diagnose umso stichhaltiger.

Fazit
Für die TCM-Praxis ein sehr wichtiges und hilfreiches Buch.

Sabine Ritter: Arzneimittelwirkungen aus Sicht der chinesischen Medizin. Vorwort von Barbara Kirschbaum; Verlag Müller & Steinicke, München 2015, 558 Seiten, 59,95 €
ISBN 978-3-87569-224-2

https://www.naturmed.de/tcmakupunktur/klinische-praxis/sonstige-krankheiten/25728/arzneimittelwirkungen-aus-sicht-der-chinesischen-medizin

Helmut Magel
Heilpraktiker und Lebensberater
Löhrerlen 16
42279 Wuppertal
yang-sheng-philo.com

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