Kürzlich fragte mich eine Teilnehmerin der Akupunktur-Ausbildung: „Diäten: Was spricht aus chinesischer Sicht gegen eine Null-Diät und gegen eine Diät, die ganz auf Kohlenhydrate verzichtet?“

Meine Antwort:

1. glaube ich, dass die Menschheit sich seit mindestens 10.000 Jahren von Kohlenhydrate, Fette, Eiweiße ernährt. Es hat in China daoistische „Sekten“ gegeben, die den Verzehr von Getreide (produkten) ablehnten und die Pythagoräer in Griechenland lehnten den Verzehr von Hülsenfrüchten kategorisch ab. Die Liste solcher Verbote ließe sich im Gang durch Geschichte und Kontinente erweitern.

2. Eine der christlichen Todsünden ist die „Völlerei“. Das ist ein wichtiger Hinweis, weil der Verstoß die ewige Verdammnis verspricht (schlechtes Gewissen beim Verzehr „verbotener“ Dinge). Das Christentum ist eng verbunden mit Brot und Wein und dem Opferlamm. Kostverächter waren die Christen nie.

Georg_Emanuel_Opiz_Der_Völler_1804

(Georg Emanuel Opiz: Der Völler, 1804)

3. Die Thematik der Diäten ist sehr jung und kam erst am Ende des 19. Jahrhunderts mit der Reformbewegung auf. Das war eine sehr schillernde Bewegung, die u.a. auf die Industrialisierung, Verstädterung, Naturzerstörung antwortete unter dem Schlachtruf „Zurück zur Natur“. Getragen wurde die Bewegung vor allem von gebildeten Mittelschichtlern und Kulturschaffenden. Östliche und indische Einflüsse wurden aufgenommen und damit auch der Vegetarismus sowie Rohkost.

4. Schließlich kam mit der sog. Wohlstandsgesellschaft das Problem „Übergewicht“ auf, das im Zusammenhang steht mit Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes, gepaart mit der „grünen“ Bewegung der Bio-Kost und Ablehnung von Milch-Produkten (was innerhalb der TCM im Westen auf der Unkenntnis beruhte, dass den Han-Chinesen das für die Verdauung notwendige Enzym fehlt, weshalb sie Milch-Produkte als schädlich ablehnen, im Gegensatz zu den Völkern im Norden Chinas, die Weidewirtschaft betreiben und Milch und Käse verzehren).

5. Fastenkuren kannte man in der daoistischen Volksreligion immer schon, ebenso im Christentum (40 Tage bis Ostern), aber auch in vielen anderen Kulturen. Meist spirituell oder religiös begründet als Ritual der inneren „Reinigung“. Das sind jedoch keine „Diäten“. Fachlich angeleitet und in Gruppen durchgeführt, können Fastenkuren in jährlichem Abstand die körperliche und geistige Gesundheit nachhaltig stärken. Die Mayr-Kur gehört auch dazu.

Frühlings-Reinigung: Gänsefingerkraut, Löwenzahnblätter, Huflattichblätter
Frühlings-Reinigung: Gänsefingerkraut, Löwenzahnblätter, Huflattichblätter

6. Wie also den Herz-Kreislauf- und Diabetes-Erkrankungen entgegenwirken? Abnehmen! Nur Fett essen, sagen die einen, kein Fett die anderen; nur Kohlenhydrate wieder andere, keine die nächsten, nur Proteine und keine Proteine usw. Nur Obst, nur Rohkost … Es gibt reichlich Auswahl.

7. Sowohl die alte griechisch-römische Vier-Säfte-Lehre als auch die Chinesen wie die Ayurveden waren allesamt der Meinung: ausgewogen essen, der Jahreszeit entsprechend und (mindestens einmal täglich) eine warme Mahlzeit, denn das „Verdauungsfeuer“ muss stetig moderat brennen.

8. Therapeutisch kann es sinnvoll sein, dass Patienten eine Zeit lang eine Reduktionskost zu sich nehmen: Anzahl der einzelnen Nahrungsmittel, die auf den Teller kommen, sehr reduziert, aber zugleich Kohlenhydrate, Fette, Eiweiße und „vollwertig“, also alle essentiellen Aminosäuren enthaltend. Mit dieser Kost lässt sich feststellen, was für den Patienten verdaulich und verträglich, d.h. den Verdauungsvorgang fördernd oder bremsend wirkt. Im Einzelfall kann es sinnvoll sein, zu bestimmten Tageszeiten weniger oder mehr von den jeweiligen Nahrungsmittelkategorien zu sich zu nehmen.

9. Der Organismus benötigt Kohlenhydrate, Fette, Eiweiße für seine Leistungsfähigkeit, die Kohlenhydrate auch für seine geistige Leistungsfähigkeit, und ohne Proteine (tierischen oder pflanzlichen Ursprungs) und Fette kommt er nicht aus. Aber alles in Maßen.

10. Das ist das Problem.

Eine schöne Übersicht über (fast) alle Diäten finden Sie unter: Alles schon dagewesen: Kalorien zählt man seit den 1920er Jahren. Die Geschichte der Schlankheitskur ist die Geschichte von Wiederholungen. http://folio.nzz.ch/2014/april/alles-schon-dagewesen

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