Schema Signaturenlehre

Noch 2002 wurde bei einer Podiumsdiskussion in Rothenburg die Zweckmäßigkeit, sogar die Legitimität der Verwendung westlicher Kräuter in der TCM seitens einiger Anhänger chinesischer Arzneimittel vehement bestritten. Die Lage hat sich inzwischen entspannt. Wir können getrost behaupten, dass die westlichen Kräuter nicht nur bei uns in Deutschland ein Bestandteil der Chinesischen Medizin geworden sind. Bemerkenswert ist, dass Kräutertherapeuten in China wie Prof. Wu Buping (Hangzhou) sich eher darüber wundem, wieso TCM-Therapeuten hier im Westen nicht die heimischen Kräuter anzuwenden versuchen.

Was versteht man unter „westlichen Kräutern“?

Dies sind im Wesentlichen Heilpflanzen, die in Europa bis in den vorderen Orient und teilweise in Nordamerika traditionell therapeutisch in Gebrauch sind. Systematische Betrachtungen und Erfahrungen wurden seit der Zeit des Hippokrates (5.-4. Jh. v. Chr.) über Dioskurides (1. Jh. n. Chr.), Ibn Sina (11. Jh.) und Tabernaemontanus (16. Jh.) bis in die Neuzeit aufgezeichnet und sind als solche erhalten geblieben.

Lehrbücher zu westlichen Kräutern in der TCM wie die von Peter Holmes, Jeremy Ross, Rita Traversier u. a., die in den letzten Jahren erschienen sind, zeigen, welch reichhaltige Schatztruhe die europäischen Heilkräuter auch für die Chinesische Medizin in Europa darstellen. (Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich in der TCM-Diätetik ab bezüglich der heimischen Nahrungsmittel.)

Einer der Gründe, warum sich die Therapie mit diesen Kräutern (und es handelt sich im Westen fast ausschließlich um Kräuter im Gegensatz zur chinesischen Materia Medica) gut in die TCM integrieren lässt, ist nicht zuletzt die Verwandtschaft der beiden traditionellen Betrachtungsweisen. Hier gibt es einige interessante Überschneidungen. Beide Systeme beruhen auf der Entsprechungslehre, beide enthalten eine Theorie der Temperaturverhalten, Geschmäcke (weniger ausgeprägt) und der unterschiedlichen Körpersäfte. Wirklich zusammen kommen sie jedoch bei der Idee der „Signaturenlehre“. Diese besagt, dass Heilpflanzen Kennzeichen tragen, die darauf hinweisen, welche Krankheiten sie heilen können. Der Mensch muss nur lernen, diese Kennzeichen zu lesen.

Die Signaturenlehre fand bereits im Altertum weite Anwendung, geht aber in ihrer konkreten schriftlichen Formulierung in Europa auf Paracelsus und den neapolitanischen Arzt und Alchemisten della Porta zurück. Danach hilft z. B. Schöllkraut mit seinem gelben Saft gegen die Gelbsucht, die geschwollenen Wurzelknöllchen des Scharbockskrauts als Mittel gegen Warzen und Hämorrhoiden. Die Form der Walnuss prädestiniert sie für Behandlungen des Gehirns. Brennnesseln mit ihren Haaren helfen gegen Haarausfall.

Vier Elemente
Entsprechungen / Signaturen der Vier Elemente in der griechisch-römischen Humoralpathologie

Als Signaturen gelten unter anderem: Geruch, Geschmack, Farbe, Gestalt, Struktur, Beschaffenheit, Standort, Wachstumsphase und Lebensdauer der Pflanzen. Diese werden verschiedenen Kategorien wie Elementen, Planeten oder Eigenschaften zugeordnet. Demnach hat eine bitter schmeckende Pflanze eine Beziehung zum Element Feuer, welches mit der Sonne in Verwandtschaft steht und unter anderem eine Umwandlung und Anregung von Stoffwechselprozessen bewirkt.

In seinem vor zwei Jahren erschienenen Buch „Chinesische Arzneipflanzen. Wesensmerkmale und klinische Anwendungen“ (1) ordnet Andreas Kalg die Arzneimittel, vor allem Kräuter, nach Gesichtspunkten der Signaturenlehre. Er merkt an, dass die Signaturen „ein in der modernen TCM-Literatur häufig unerwähnt gelassener Aspekt des Wesens der Kräuter (sind)“ (Kalg, S. 11/12). Auch wenn es den Begriff „Signaturenlehre’’ in China nicht gegeben hat, kann doch „davon ausgegangen werden, dass es die „Signaturenlehre“ in der chinesischen Medizin gibt und die klassischen Werke voll von Anspielungen darauf (sind)“ (ebda, S. 13). Kalgs Buch ist der anschauliche und kenntnisreiche Beweis für diese These.

Signaturenlehre im Westen wie in China

Zuzustimmen ist Kalg darin, dass „die Analyse der Wesensmerkmale der chinesischen Drogen und ihrer Signaturen rein beschreibender Art (ist). Sie mag den Grundstein legen für eine weitere Erforschung dieser gemeinhin als unwissenschaftlich empfundenen Aspekte der Phytotherapie“ (ebd. S. 13). Dem ist zuzustimmen (die westlichen Kräuter eingeschlossen). Insbesondere im Westen wurden inzwischen viele aus der Signaturenlehre und in der Heilpraxis bestätigten Wirkmöglichkeiten der Kräuter auch über die Analyse der Inhaltsstoffe und deren Wirkung naturwissenschaftlich bestätigt. Aber nicht alle traditionellen und empirisch gesicherten Wirkungen lassen sich über die einzelne Inhaltsstoffe erklären. Das liegt vor allem darin, dass die Wirkung einer Heilpflanze über die Wirkung einzelner Inhaltsstoffe hinausgeht und letztlich erst deren Synergie einer Pflanze die charakteristische Heilwirkung verleiht.

Die energetische Wirkbeschreibung der westlichen Kräuter in den Kategorien der Chinesischen Medizin berücksichtigt verschiedene Ebenen, die auch die naturwissenschaftliche und klinische Erforschung im Rahmen der (westlichen) Phytotherapie einschließt. (Abb.)

Einzelne Autoren haben sich bereits auf den Weg gemacht, westliche Kräuter für die praktische Anwendung in der TCM zu beschreiben und auch anzuwenden. Weitere Autorinnen werden folgen. (2)

Lebendiger Austausch notwendig

Was fehlt, ist ein Netzwerk der TCM-Therapeutlnnen, die mit westlichen Kräutern in ihrer Praxis arbeiten. Dazu zählen auch der lebendige Austausch zwischen ihnen sowie die Weiterentwicklung der Theorie und deren kritische Reflexion. Den Teilnehmerinnen des “Westlichen-Kräuter-Tags“ ist zu wünschen, dass sie auf diesem Weg ein Stück weiter kommen.

Eine wenn auch kurze Gelegenheit, das Für und Wieder des Einsatzes westlicher und chinesischer Kräuter in der TCM-Praxis zu diskutieren, bietet die Podiumsdiskussion der DWGTCM. Im Moment gibt es eine interessante Diskussion unter amerikanischen TCM-Therapeuten über die Einbindung von Kräutern, die es zwar in China gibt und die auch im Zhong Yao Da Ci Dian (Große Enzyklopädie der chinesischen Arzneimittel) aufgeführt sind, die aber bisher nicht im Hinblick auf solche Wirkungen eingesetzt werden, die ähnliche oder dieselben Kräuter im Westen zeigen. Eines der Beispiele ist die Brennnessel (Qian ma, ganze Pflanze, und Qian ma Gen, Wurzel). Sie weisen botanisch eine sehr große Ähnlichkeit mit der im Westen gebräuchlichen Urtica dioica L. und U. urens L. auf.

In der westlichen Literatur (darunter die europäischen ESCOP-Monographien) bestätigen naturwissenschaftliche Studien den klinischen Einsatz von Brennesselwurzel bei Problemen mit dem Wasserlassen. Das gehört neben der Behandlung gutartiger Prostata-Vergrößerung auch zum traditionellen Gebrauch. Neuere Studien belegen die positive Wirkung bei PCOS (Polycystic Ovarian Syndrome).

Ein Großteil der chinesischen Literatur betont die Behandlung von Wind-Feuchtigkeit und Blut-Stase. Ein Handbuch für Heilmittel aus der Provinz Xinjiang besagt, dass Brennesselwurzel hohen Blutdruck und Taubheit in den Extremitäten behandelt. Offenbar werden Heilpflanzen in unterschiedlichen geografischen Gegenden unterschiedlich angewendet. Ein Grund dafür kann in den unterschiedlichen kulturellen, klimatischen und ökologischen Bedingungen liegen.

Zu diskutieren wäre hier die Frage, wie moderne Erkenntnisse über einzelne traditionelle Arzneimittel in die Beschreibung der chinesischen und westlichen Kräuter im Rahmen der TCM integriert werden. Werden, soweit es Ähnlichkeiten mit europäischen Heilkräutern gibt, auch deren Wirkungen bei den betreffenden chinesischen Kräutern überprüft?

Das könnten, neben der Signaturenlehre, Fragen sein, die zwischen den Anwendern beider Kräuter-Richtungen diskutiert werden könnten. Eine lebendige Diskussion in Gang zu bringen, wäre wünschenswert.

Anmerkungen
1) Kalg, Andreas: Chinesische Arzneipflanzen. Wesensmerkmale und klinische Anwendung, Urban & Fischer in Elsevier, 2009 >http://www.naturmed.de/tcmakupunktur/chinesische-kraeuter-kampo/kraeutermateria-medica/19886/chinesische-arzneipflanzen<
2) H. Magel/W. Prinz/S. van Luijk: 180 westliche Kräuter in der TCM, Behandlungsstrategien und Rezepturen, Haug-Verlag, 2013 >http://www.naturmed.de/tcmakupunktur/westliche-kraeuter/heilkraeuter/1382/180-westliche-kraeuter-in-der-chinesischen-medizin<

Helmut Magel
Heilpraktiker
Praxis für Chinesische Medizin
Löhrerlen 16
42279 Wuppertal
www.helmut-magel.de
www.yang-shen-philo.com

Die Rezension erschien in: Naturheilpraxis 6/2011

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