Ein über dem Meer schwebender Felsblock, auf dessen Spitze eine Burg steht; ein Apfel, der den ganzen Raum eines Zimmers füllt. Solche oder ähnliche Reproduktionen sind Ihnen sicher schon begegnet. Dinge, die in der Realität in dieser Kombination nicht vorkommen, malte der Surrealist René Magritte (1898–1967). Aber was heißt schon Realität?

Ist das eine Pfeife, die wir auf dem Bild sehen? Nein. Das ist keine Pfeife, schreibt Magritte. Aber was ist das sonst?

«Der Verrat der Bilder» heißt eine Ausstellung in der Schirn in Frankfurt a. M. (bis 5. Juni 2017) und zeigt eine breite Auswahl von Bildern des Surrealisten Magritte:

Beim Betrachten der Bilder und der meist rätselhaften Bildtitel in der Ausstellung gewann ich den Eindruck, dass alle Arbeiten den Grundgedanken zu illustrieren scheinen, dass von dem, was wir tagtäglich sehen und benennen, nichts der Wirklichkeit entspricht. Es ist eine folgenschwere Verwechslung, im Alltag den Begriff oder das Bild für die Wirklichkeit zu nehmen. Sobald wir etwas sprachlich benennen, deuten wir es bereits.

Das erinnert mich an zwei Philosophen, die zweieinhalbtausend Jahre auseinander liegen: Lao Zi und Wittgenstein. Lao Zi schrieb:

sagbar das Dao
doch nicht das ewige Dao
nennbar der name
doch nicht der ewige name

Lao Zi war misstrauisch gegenüber den sinnlichen Eindrücken wie auch gegenüber den Emotionen. Folglich konnte das Dao, wenn es überhaupt eine Eigenschaft besaß, nur fade und farblos sein. Fade sind Magrittes Bilder nicht, aber sehr sachlich und akurat. Das Bestechende sind die Kombinationen, die keiner feststehenden Norm entsprechen.

Ludwig Wittgenstein (1889-1951) schrieb: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.» Magritte hätte vielleicht gesagt: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber kann man malen.» Tatsächlich betrachte Magritte seine Bilder als «sichtbare Gedanken». Sprachlich sind die Paradoxien, die Magritte jenseits der gewohnten Repräsentation von Wirklichkeit visuell darstellt, nicht zu «lösen».

Magrittes eigene Zeichnungen und Erläuterungen

Beginnt man als Betrachter, auf der Suche nach Orientierung oder Interpretation, die Einzelteile des Gemalten zu benennen und mit Wörtern zu etikettieren, zieht Magritte einem bereits mit dem Bildtitel den Boden unter den Füßen weg. Auf dem «Bild mit einer Pfeife» steht: «Dies ist keine Pfeife». Also, ist es dann eine gemalte Pfeife mit einem Satz, der sagt, dies sei keine Pfeife?

Wir geraten in einen Strudel, der letztlich verunmöglicht, die Ebene (Text oder Gemälde) zu definieren, auf der der Satz «Dies ist keine Pfeife» wahr oder falsch ist. Folgerichtig nennt sich das Gemälde «Der Verrat der Bilder» und gibt der Ausstellung treffenderweise ihren Namen. Alles ist nur gemalt. Die Bilder haben das Wort. Und das Wort zieht sich hinter die Bilder zurück. Der „sichtbare Gedanke“ braucht keine Worte mehr.

Das hätte Lao Zi vermutlich gefallen. Magritte war ein malender Philosoph. Ob er das Dao De Jing gekannt hatte?

Magritte malt geradezu das Misstrauen gegenüber unserer Wahrnehmung: Hinter jeder unmittelbaren Realität steht ein nur mittelbar erfassbarer Sinn. Und doch kann hinter der Absurdität des Unmittelbaren, der «Sinnigkeit der Komponenten und dem Unsinn des Ganzen» der Wunsch vermutet werden, „in der atomisierten Welt, wenn auch auf eine noch so paradoxe Art, Eintracht zu stiften, und zumindest den Eindruck einer coincidentia oppositorum (Zusammenfall der Gegensätze) zu erwecken.» (Arnold Hauser)


Literatur:
• Arnold Hauser: Soziologie der Kunst, München: Beck 1974, S. 741 ff.
• Torczyner, Harry: Magritte: Thr True Art of Painting, New York: Abrams 1979
• Schmied, Wieland: Die Ferien Hegels: Der Maler als Denker: über René Magrittes Schriften und die große Hamburger Ausstellung, in: DIE ZEIT 29.1.1982, S. 33-34

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